28 December 2008

Auf Gott vertrauen wir?

Jetzt muss ich etwa verärgerte Gedanken loslassen.
Es ist oft so, dass wenn ich morgens zur Uni laufe, komme ich an einer Kirche vorbei, wo freiwillige Ladys Kunststoff-Föten in Kunststoff-Gebärmuttern ausstellen, um gegen das Abtreibungsrecht zu demonstrieren. Einmal wollte mir eine einen Flyer geben. Den Flyer habe ich nicht bekommen aber einen bösen Blick hat sie bekommen. Ich habe den Mut nicht gehabt, sie anzusprechen, um zu sagen, dass sie die Leute bitte selber entscheiden lassen sollten, was sie für richtig halten.

In den letzten Wochen haben meine Mitbewohnerin Jase und ich öfter über die "heißen" Themen gesprochen: Abtreibung, homosexuelle Ehe, Sex vor der Ehe, Scheidung. Da sie Christin und tolerant ist, und da ich nicht Christin und zugegebenerweise nicht immer tolerant bin, besonders wenn es um diese Themen geht, war es lebhaft und interessant. Am Sonntag sind wir zusammen zum Gottesdienst gelaufen (ja, gelaufen! Das war das erste Mal, dass sie für die Strecke das Auto nicht genommen hat, es lag viel Schnee, es war sehr hell und schön). Manchmal gehe ich gern zum Gottesdienst, weil ich die Ruhe, das Singen , und auch die Tatsache genieße, dass man sich eine Stunde Zeit nimmt, um über Werte, Leben und seine Stelle dazu zu denken.

In der Kirche waren hauptsächlich gepflegte weiße Familien, die bestimmt in einem dicken Geländewagen angekommen waren. Das Singen war schön, aber dann kam die Predikt. In den USA sind die Predikte meistens lang und für die Leute sehr wichtig, hatte ich mal gehört. Es soll je nach Christlicher Richtung und nach Kirche unterschiedlich sein. In dieser Kirche hat es gestimmt, es war lang. Es ging um das Kapitel 1 des Matthäus-Buch, und zwar zweiten Paragraph über die Geburt Jesus. Der Satz "Joseph aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen" [weil Maria schwanger war] wurde besonders diskutiert. Ewig lang. Übrigens stand in der Bibel in der Kirche nichts vom "heimlich verlassen", sondern es stand ganz direkt "scheiden" (divorce).

Da gibt es was, dass ich nicht verstehe. Wieso ist es so wichtig, dass Joseph erstmal damit Probleme hatte, dass Maria schwanger und potenziell keine Jungfrau mehr war? Warum hat der Priester diesen Satz für seine Predikt ausgesucht? Gab es keinen passenderen Absatz, z.B. über Respekt, Solidarität, Nächstenliebe und viele andere wunderschöne Werte, die in der Bibel so schön angesprochen werden? Und auch wenn man diesen Satz aussucht, könnte man ihn nicht anders darstellen? Zum Beispiel dass man es sich manchmal lieber gut überlegen sollte, bevor man eine menschliche Beziehung bricht?

Vor ein paar Jahren hatte ich mal einen Zeitungsartikel gelesen, der erzählte, dass es an einem Krankenhaus in den USA Demonstrationen gab, weil jemand (oder seine Verwandte) Sterbehilfe wollte. An diesem Krankenhaus ist kurz danach ein Kind gestorben, weil seine Eltern sich die Pflege nicht leisten konnten. So ein Widerspruch, auch wenn dieses Beispiel besonders heftig ist, habe ich beim Gottesdienst gefühlt. Wieso wird so viel über schwule Ehe debattiert, wenn Menschen in der Welt vor Hunger sterben? Ist es nicht widersprüchlich, gegen Abtreibung zu demonstrieren, wenn man Samstags im Mall Sachen kauft, die von Asiatischen Kindern hergestellt werden und dadurch ihre Lebensperspektive extrem einschränken? Wie werden die Prioritäten definiert? Sehr provokativ gesagt: Durch die Wahl von biblischen Anforderungen, die am klärsten und schwarz/weiß scheinen??

Meine Mitbewohnerin hat sich kaputt gelacht, als ich ihr gesagt habe, dass ich nicht in den Himmel will, wenn diese Leute auch hingehen. Ich gehe lieber in die Hölle, wo es bestimmt lustige Menschen und coole Drogen gibt. Hier die (hausgemachte...) Übersetzung von ein paar Zeilen des Lieds "Je suis venu vous voir" (ich bin gekommen, um euch zu sehen) des Singers Mano Solo:
"Ich werde bestimmt bei der Prüfung des großen Weisen durchfallen, aber ich werde trotzdem die Gelegenheit nutzen, um ihm zu sagen, was ich über die Existenz denke, diese ärgste Sorte, und wenn er nicht sieht, dass ich ein Engel bin, dann soll er den Job wechseln!... und wenn er will nehme ich seinen Platz"... (etc.)

(Je vais sûrement être recalé a l'examen du grand sage mais j'en profiterai quand même pour lui dire ce que j'en pense de l'existence, cette engeance, et s'il ne voit pas que je suis un ange, alors qu'il change de boulot!... et s'il veut, moi je prends sa place)

2 comments:

Anonymous said...

Hallo Perrine,

nachdem ich es schon verpennt habe, dir ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen, bleibt mir an dieser Stelle aber noch Zeit für einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2009.
Ich, als ebenfalls Nicht-Christin, möchte noch kurz was zu dem Bibelsatz schreiben, der dich so empört. Ohne das ich weiß, was der Pastor daraus gemacht hat, möchte ich doch sagen, dass ich ihn wichtig finde. Die eingestandene Kränkung und Enttäuschung (die in dem Gedanken steckt, Maria heimlich zu verlassen, weil sie ihn hintergangen hat) macht Josef für mich menschlich, leider kreuzt dann gleich der Engel im Traum auf und verweist auf den Heiligen Geist als Verursacher. Ich hätte es noch besser gefunden, wenn Josef sich ohne diesen Hinweis frei heraus entscheidet, ob er mit Maria ein Kind aufzieht, dass er nicht selbst gezeugt hat oder ob die Kränkung schwerer wiegt und das Vertrauen ineinander unrettbar ruiniert ist. Ich bin davon überzeugt, dass man die besten Entscheidungen (im Sinne von "am wenigsten bereuen") in vollem Bewußtsein und in Abwägung all seiner (widerstebenden) Empfindungen trifft. Naja, aber die Bibel hat ja einen anderen Schöpfer. Man kann aus dieser Passage sicher was über Jungfernschaft etc. zimmern, das halte ich für diese Szene aber nicht für wesentlich. Josef entscheidet sich für mich dafür, ein Vater zu sein und nicht länger allein sein zu wollen (lieber eine schwangere Frau mit wessen Kind auch immer als allein weiter umher ziehen), leider steht in der Bibel: "Josef tat, wie ihm der Engel des Herrn befohlen."

Viele Grüße von der (kalten) Ostsee,
Susi

Perrine said...

Danke Susi für Deinen Kommentar... Eigentlich hat meine Empörung nicht mit dem Satz selber zu tun hat, sondern damit, was der Pastor daraus gemacht hat! Ich bin mit Deiner Analyse einverstanden, und ich finde es faszinierend, wie man durch die Bibel über ganz wichtige Sachen sprechen und nachdenken kann.
Der Pastor hat tatsächlich über Jungfernschaft und alle praktische Detaille des Nicht-Sexlebens von Maria und Josef, die ich auch nicht für wichtig halte... aber es wird in den USA meistens anders gesehen.. (auch wenn Achtung, man muss nicht zu sehr verallgemeinen)

Dir/euch auch ein glückliches spaßiges erfolgreiches neues Jahr!!!
Perrine